Sarina Spiegel hat einen Wegweiser durch den Ökonomie-Bullshit unserer Zeit geschrieben.
Wirtschaft ist das, was einem zumeist beschlippste Herren entweder in einem gönnerhaften Ton à la „So ist es und nicht anders“ mitteilen oder aber in Form von social-media-Beiträgen, in denen zwar gerne auf den Schlipps verzichtet wird, nicht aber auf den Hinweis, dass wenn man jetzt nicht sofort diese oder jene Aktien kaufe, man ein weltfremder Trottel sei, der sich auch gerne gleich begraben lassen könne – worauf man nach dem Konsum besagter Videos nicht schlecht Lust hat. Insofern kommt der von Sarina Spiegel verfasste und als solcher angekündigte „Anti-Bullshit-Guide zur Wirtschaft“ zur rechten Zeit.
Das Buch hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur die Spielregeln und Funktionsweisen wirtschaftlichen Denkens und Handelns zu erklären, sondern auch Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu machen. Dass es dazu mehr als genügend Gründe gibt, zeigt der kurze Teil zur Kritik der Gegenwart nur allzu deutlich: erschöpfte Ressourcen, erschöpfte Menschen und eine blühende globale Ungleichheit. Sarina Spiegel macht deutlich, dass dies keine bedauerlichen Nebenerscheinungen eines ansonsten hochfunktionalen Systems sind, sondern dass das alles in dem, was wir Kapitalismus nennen, bereits eingepreist ist. Oder eben auch nicht, wenn man das Einpreisen wortwörtlich verstehen will, denn gerade mit Blick auf Preisbildung bildet unsere schöne Hochglanzproduktwelt schlicht nicht ab, welche Kosten in sie wirklich eingegangen sind: nicht die Ausbeutung von Natur und Mensch, nicht das psychische Leiden, das sich im Konsumdruck artikuliert, nicht die verkaufte Zukunft, die mit jedem weiteren Jahr in diesem ökonomischen Irrsinn ein gutes Stück weniger gestaltbar wird.
Das Buch führt die Leserschaft durch eine (sehr) kurze Geschichte der modernen ökonomischen Theorien, zeigt auf, wie die Neoliberalismus-boygroup um Friedrich Hayek und Milton Friedman das Diktat vom ach so freien Markt mehrheitsfähig machte und wie mit Blick auf die planetaren Grenzen das Freiheits- und Wohlstandsversprechen des Kapitalismus sich zunehmend in sein Gegenteil verkehrt. Der Anspruch der Autorin, Wirtschaft neu zu verstehen, ist vor allem der Anspruch, Wirtschaft überhaupt verständlich zu machen – denn ein gutes Stück der ökonomischen Deutungsmacht erwächst ja nicht zuletzt aus der Tatsache, dass ökonomische Theoriebildung sich durch verbale Unzugänglichkeit und Mathematisierung unangreifbar zu machen versucht. Sarina Spiegel gelingt es, dieser Komplexität eine leicht verständliche, manchmal saloppe Sprache entgegenzuhalten – auch wenn die fiktiven Dialoge, die zur Verdeutlichung einzelner Positionen verfasst wurden, manchmal in ihrer Einfachheit ein wenig peinlich geraten sind. Dass das Buch sich sprachlich einer jungen Leserschaft anzunähern versucht, geht völlig in Ordnung und erklärt außerdem, warum „Eat.Sleep.Work.Die?“ nahezu bei Adam und Eva anfängt. Es ist ein Buch für den Einstieg in die Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Fragen, die sich auch entlang des eigenen Erlebens entzünden: Was brauche ich, um glücklich zu sein? Warum bin ich es nicht? Wieso sind andere erfolgreicher? Warum singt in dem keinen Wäldchen hinter dem Dorf kein Vogel mehr? Warum gibt es das Wäldchen nicht mehr? Dazu der Midlife-Crisis-Blues, das Lamento über ein verpatztes (Berufs-)Leben, all das fungiert als Prüfstein für die Sinnhaftigkeit des dominanten ökonomischen Paradigmas, das sich mehr und mehr in seiner zerstörerischen Potenz zeigt.
Sarina Spiegel, und das zeigt sich im zweiten Teil des Buches, ist eine vorsichtige Autorin, die argumentativ eher tastend verfährt. Sie versucht, allen Positionen und Haltungen etwas abzugewinnen, ihnen zumindest Verständnis entgegenzubringen. Ihre Kritik kann deutlich sein, aber wirklich scharf ist sie nie. Sie speist sich eher aus der Begeisterung für die Vielzahl der ökonomischen Alternativtheorien, die es schon gibt – etwa die Gemeinwohlökonomie, Postwachstumsökonomie, die Donut-Ökonomie, etc. Die informierte Leserin mag hier zwar wenig bis nichts Neues finden, aber die Begeisterung der Autorin für diese Theorien und der Optimismus, von dem das ganze Buch getragen ist, das alles hat etwas Ansteckendes. Auch das Optieren für eine „Plurale Ökonomie“ anstatt dem Dogma einer einzelnen alleinseligmachenden Theorie kann überzeugen. Ein wenig irritiert aber die Tatsache, dass der Faktor Macht in den Überlegungen Spiegels eine eher untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, was es braucht, dass neue Theorien sich schließlich zu einem neuen Paradigma, zu einer neuen Haltung und neuen Werten und Wertschätzungen übersetzten. Es geht letztlich um eine Veränderung von uns selbst, um „innere Entwicklung für eine Transformation im Außen“. Auch das ist nicht wirklich neu, bietet aber den Vorteil, dass man den Kampf um eine gerechte und nachhaltige Wirtschaft mit eminent positiven Begriffen wie „innere Entwicklung“ verbinden kann. Ob das reicht, wird sich zeigen. Schaden kann es aber nicht.
Sarina Spiegel: Eat.Sleep.Work.Die?, oekom Verlag, München 2025, 216 Seiten, 17 €.
© Manuel Förderer