Weltladen im Viertel

Fairlesen

Unsere neue Rubrik: Mitglieder unseres Teams rezensieren Bücher, die Themen wie Konsum, wirtschaftliche Strukturen und Klimakrise behandeln. Also solche, die für Sie auch interessant sein könnten. Wir laden Sie herzlich ein, sich ein Bild zu machen und freuen uns, wenn Sie bei dieser Gelegenheit ein Buch für sich entdecken.

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Grace Blakeley über den Neoliberalismus als polit-ökonomisches Riesenprojekt

Aktienkurs? Shareholder Value? Finanzialisierung? Kapitalmobilität? Diese Begriffe müssten eigentlich, gemessen an den gesellschaftlichen Realitäten, die sie schaffen, jedem bekannt sein – aber ein Großteil aller Deutschen dürfte wenig bis gar nichts mit ihnen anfangen können. Das liegt nicht nur an dem Sexappeal dieser Termini, der irgendwo zwischen Fußpilz und Briefmarkensammlung angesiedelt ist, sondern vor allem daran, dass er mit der Lebensrealität nahezu aller Menschen – nicht nur Deutschlands, sondern weltweit – nichts zu tun hat. Die allermeisten Deutschen besitzen keine Aktien und dürften sich ergo nur marginal für die noch immer zur besten Sendezeit über die Mattscheibe flimmernden Börsenberichte interessieren. Aber, so könnte man die Pointe von Grace Blakeleys Buch Stolen zusammenfassen, sie sollten dies tun. Denn hinter der Kakophonie finanzökonomischer Begriffsungetüme steckt ein über Jahrzehnte hinweg geradezu perfektioniertes Umverteilungsprogramm. Und damit keine Illusionen entstehen: Gemeint ist natürlich eine Umverteilung von unten nach oben.

Die Klassenfrage ist nicht zurückgekehrt – sie war nie wirklich weg

 

Wer gerne Horror-Filme schaut (oder einen Hang zu Sigmund Freud hat), der weiß, dass sich nichts auf Dauer verdrängen lässt. Was man unter den Teppich kehrt, hat die unangenehme Eigenschaft wiederzukehren, ohne etwas von seinem anfänglichen Schrecken in der Zwischenzeit verloren zu haben. Die Klassenfrage ist ein solcher Wiedergänger unserer Gesellschaft, der vielleicht nicht mit Schrecken, aber von manchen doch zuweilen mit Verwunderung registriert wird. Klasse, das klingt nach marxistischer Mottenkiste, Begriffe wie Klassenkampf und Klassenzugehörigkeit wirken wie politische Pathosformeln aus dem vorigen Jahrhundert, die sich doch mit dem Gang der Geschichte erledigt haben. Adieu Sowjetunion, Adieu Systemalternative, sei willkommen klassenlose Wohlstandsgesellschaft. Wer so denkt, den kann auch die massive Ausweitung des Niedriglohnsektors innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre kaum irritieren – wahrscheinlich, weil es ihn nicht betrifft.

Die vielbesungene „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, die der Soziologe Helmut Schelsky bereits in den frühen 1950ern aufkommen sah, war augenscheinlich der Wunschtraum liberaler und konservativer Ökonomen. Durch typisch deutsche Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Fleiß habe sich ein breiter Mittelstandsteppich gebildet, der lediglich an den Rändern etwas nach oben und nach unten ausfranzt. Unten finden sich die ungebildeten, ungelernten und zumeist armen Malocher, oben die selbstverständlich durch eigene Anstrengung reich gewordenen Leistungsträger. Für Klasse war in einem solchen Modell verständlicherweise kein Platz. Schon allein deswegen nicht, weil der Begriff Klasse die soziale Herkunft des Einzelnen und die damit verbundenen Erfahrungen von Marginalisierung oder Privilegierung betont. Klasse beharrt darauf, dass sich die gesellschaftlichen Unterschiede und Ungleichheiten in den Leben der Menschen abbilden, in den Familien, in den Bildungs- und Berufsbiographien, nicht zuletzt in Fragen der Gesundheit und Lebenserwartung. Aber all diese Unterschiede sind, so will es die große Erzählung der marktkonformen Demokratie, durch eigene Anstrengungen überwindbar oder selbst verschuldet. Wer nicht richtig arbeitet, faul ist, auf die falsche Ausbildung setzt, die falschen Freunde oder den falschen Nachnamen hat, der findet sich dann eben im unteren Segment der Gesellschaft wieder. Pech gehabt.

Fair for Future – ein gerechter Handel ist möglich Nach über 50 Jahren Fairer Handel eine Geschichte der Bewegung und die Frage nach deren Zukunftsfähigkeit – ein Erfahrungsbericht und ein Anspruch

Gerd Nickoleit, Mitbegründer des Fairhandelshaus GEPA und einer der Protagonisten  des „Alternativen Handels“,  und seine Tochter Katharina Nickoleit, als Journalistin auch im Globalen Süden aktiv, bieten nicht nur eine Fülle von profundem Insiderwissen zu der  Geschichte der Bewegung seit den 70ern. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Veränderungen entsteht ein plastisches Bild der engagierten Versuche, neue Wege zu einer gerechteren Weltwirtschaft zu finden.

Worum geht es?

Die Ursprünge der Bewegung

In der Aufbruchstimmung der 68er Jahre waren es Jugendliche und junge AktivistInnen, die die Abkehr vom „nachkolonialen Ausbeutungssystem“ forderten. Da sie über die wirtschaftlichen Zusammenhänge aufklären wollten, dienten die ersten Produkte des Alternativen Handels vornehmlich als Symbol – Stichwort „Jute statt Plastik“-Tasche.

Ihre revolutionären Ansichten wurden in der Öffentlichkeit durchaus wahrgenommen, auch wenn sich die Bewegung selbst immer wieder Grabenkämpfe lieferte.

Andreas Wagner erzählt in seinem Debütroman eine Familiengeschichte in und um den Hambacher Forst

 

Der Wald spielt im kulturellen Selbstverständnis der Deutschen seit jeher eine besondere Rolle. In ihm bündeln und konzentrieren sich nicht nur eine Vielzahl ökonomischer Interessen, er ist vor allem Ort magisch-mythischer sowie märchenhafter Erzählungen. An ihm entzünden sich seit Jahrhunderten die Phantasien, die den Wald nicht zuletzt zum Rückzugsort all jener gesellschaftlicher Elemente stilisierten, für die zunehmend weniger Platz war oder die die Gesellschaft prinzipiell scheuten und scheuen mussten: von der sprichwörtlichen Hexe über die mal aus guten (Robin Hood), mal aus weniger guten Motiven agierenden Räuber bis hin zu all den imaginären Gestalten und Gespenstern, die die aufgeklärte Moderne aus ihren Reihen ausgeschlossen zu haben glaubte und die zwischen Buchen und Eichen fortexistierten. In diesen Figuren und im Wald als besonderem Raum bewahrten sich die Konturen einer Gegenkultur und exemplarischen Naturnähe, die vor allem die Romantiker beschworen und die aktuell – Trends wie das Waldbaden lassen es erahnen – offenbar wieder an Bedeutung gewinnen. Nicht zuletzt ist der Wald aber auch Teil jener Narrative nationaler Selbstermächtigung, wie sie die deutsche Geschichte bis in 20. Jahrhundert prägten; der Teutoburger Wald ist das klassische Beispiel dafür, wie aus einem Wald der so oft apostrophierte ‚deutsche‘ Wald wurde.

Ulrich Wegst hat ein nicht ganz kantenfreies Buch über die Kulturtechnik des Verzichtens geschrieben

 

Das Sprichwort weiß es längst: Weniger ist manchmal mehr. Und nach Lektüre von Ulrich Wegst Buch ließe sich ergänzen: Weniger ist der Schlüssel zum Überleben. Und zwar der Menschheit. So in etwa ließe sich die Pointe von Keine Angst vorm Verzicht reformulieren, in dem Wegst das Verzichten zur wichtigsten Kulturtechnik des noch jungen Jahrhunderts erhebt und zu einem Parforceritt durch nahezu alle gesellschaftlichen Felder ansetzt, um Bedeutung und Notwendigkeit des Weniger auszuloten. Die existentielle Dimension dieses Ansatzes ist, so der Autor, dabei nicht von der Hand zu weisen. Die Dringlichkeit des Verzichtens steht mit Blick auf überfischte Meere, überdüngte Böden, dem geradezu rauschhaften Einsatz von Pestiziden und Insektiziden aller Art, dem massenhaften Wegsterben von Flora und Fauna, dem Abholzen der Wälder und dem sich bedrohlich erwärmenden Klima außer Frage. Die planetaren Grenzen sind uns in den vergangenen Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit näher gerückt, der Klimawandel ist endgültig in den Zustand des Akuten getreten und wird nur noch von beinharten Kapitalisten und Populisten geleugnet (wenn auch seine Verharmlosung in nahezu allen politischen Lagern festzustellen ist). Das lässt sich nicht zuletzt im Aufkommen neuer politischer Akteure und einer Vielzahl an Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich festmachen. Der oft geäußerten Einsicht, dass es so nicht weitergehen könne, steht allerdings der Umstand entgegen, dass sich in der Lebensführung der Mehrheit aller Deutschen (und damit letztlich der Mehrheit aller Bewohner des überindustrialisierten globalen Nordens) nichts geändert hat. Hier gilt auch weiterhin die Prämisse: Je mehr, desto lieber. Verzichten liegt uns nicht und Wegst zählt eine ganze Reihe biologischer, sozialer, ökonomischer wie politischer Gründe auf, warum es uns so schwer fällt, ein einmal erreichtes Konsumniveau wieder aufzugeben.