Weltladen im Viertel

Fairlesen: "Gold, Öl und Avocados. Die neuen offenen Adern Lateinamerikas"

 

Manuel Förderer hat wieder fleißig gelesen und das neue Buch von Andy Robinson für Sie rezensiert:  

Aderlass
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Andy Robinson neues Buch verfolgt noch einmal die „offenen Adern“ Lateinamerikas.
Als 1971 das Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ des uruguayischen Journalisten Eduardo Galeano erschien, in dem dieser die wirtschaftlichen Abhängigkeiten Lateinamerikas vom Globalen Norden und dessen teils ungeniertes Ausgreifen auf die wertvollen Rohstoffe des Kontinents schilderte, avancierte es relativ rasch zu einem Klassiker der politisch-historischen Literatur – und zur Standardlektüre weiter Kreise der politischen Linken. Galeanos lebendige Darstellung der lateinamerikanischen Geschichte und der Ausplünderung und Ausbeutung von Land und Leute zunächst im Kontext de europäischen Kolonialismus, sodann vor allem durch amerikanische Firmen mit Unterstützung der offiziellen Politik, hat seinen Reiz weit über sein Veröffentlichungsdatum beibehalten. Die Bedeutung, die dieses Buch nicht zuletzt für Lateinamerika selbst hat, mag man daran ermessen, dass Huga Chavez – damals Staatschef Venezuelas – beim Amerika-Gipfel 2009 ein Exemplar dem leicht verdutzten Barack Obama in die Hand gedrückt hat. Vor laufender Kamera.

Es sind aber nicht nur solche Details, die man aus Andy Robinsons neuem Buch erfährt, dessen (Unter-)Titel explizit Bezug nimmt auf Galeanos mittlerweile fünfzig Jahre altes Pionierwerk. Robinson hat es sich zur Aufgabe gemacht, noch einmal jene Wege abzugehen, anhand derer Galeano das für ihn zentrale Problem des Kontinents festzumachen versuchte: Lateinamerika sei so arm, weil es an Rohstoffen so reich sei. Zu den klassischen Rohstoffadern – etwa Erdöl, Bananen, Silber oder Gold – fügt Robinson mehrere neue hinzu, die den Leser*innen viel über unsere Gegenwart und deren eigene ökonomische Monstrosität erzählt. So etwa, wenn ein über Jahrzehnte hinweg als minderwertig (weil indigen) betrachtetes Getreide wie die Quinoa aufgrund ihrer medialen Inszenierung im Globalen Norden als Superfood plötzlich irrsinnige Wertsteigerungen erfährt – wovon aber gerade die Indigenen nichts haben. Oder wenn eine zunächst bedeutungslose Frucht wie die Avocado zum Trendobjekt aufgebaut wird und sich fortan riesige Plantagen etwa durch Mexiko fressen und den vielerorts ohnehin sensiblen Wasserhaushalt überstrapazieren. Die Liste möglicher Beispiele ließe sich nahezu beliebig verlängern. Besonders herausfordernd sind jene Kapitel, die Robinson zu verschiedenen Mineralien und Metallen verfasst hat, zu Eisen etwa, oder zu Kupfer, Coltan, Niob und Lithium, allesamt unabdingbare Ressourcen für eine zunehmend digitalisierte und elektrifizierte Welt. Die mitunter astronomischen Gewinnerwartungen führen hier nicht nur dazu, dass arbeitsrechtliche Aspekte und ökologische Vorsichten völlig unter den Tisch zu fallen drohen (oder dort bereits gelandet sind), sondern auch eine ‚Mafiarisierung‘ der Verhältnisse. Die in vielen Bereichen ohnehin fest etablierte Schattenwirtschaft wird häufig ergänzt durch das Auftreten bewaffneter und restlos brutalisierter Gangs, die ihren Teil an der global organisierten Ausbeutung eines ganzen Kontinents beanspruchen – und den Alptraum für viele Menschen vor Ort komplettieren. 

Robinson zeigt sich nicht nur als kluger Beobachter, sondern vor allem als profunder Kenner Lateinamerikas, was er vor allem dann demonstrieren kann, wenn er die politischen Verhältnisse der einzelnen Länder aufarbeitet. Egal ob gesteuerte Putsche, das gut dokumentierte und im Resultat verheerende Eingreifen der USA in die inneren Angelegenheiten einzelner Staaten, das Ringen der lateinamerikanischen Linken, mittels gesteuerter Ausbeutung von Ressourcen die Menschen aus teils gravierender Armut zu befreien und den Einfluss ausländischer Firmen und Staaten zu unterbinden oder doch unter Kontrolle zu bekommen – in vielen Momenten liest sich das Buch spannend wie ein Krimi. Und kriminell geht es durchaus zu in diesen mal kürzeren, mal längeren Porträts, aus deren Lektüre man zwar immer klüger, manchmal aber auch ratlos entlassen wird. Die Frage, wie ein an Ressourcen so reicher Kontinent auf Dauer dem Fluch seiner Abhängigkeit von eben diesen Rohstoffen entgehen kann, wird zwar an vielen Beispielen aufgeworfen – Lösungsvorschläge allerdings sind rar gesät. Unterm Strich ist das aber kein wirklich an das Buch zu machender Vorwurf, dessen große Stärke in seiner engagierten und informierten Darstellungsweise liegt. 

 

Andy Robinson: Gold, Öl und Avocados. Die neuen offenen Adern Lateinamerikas. Unrast Verlag, Münster 2021, 317 Seiten, 19,80 €

 

© Manuel Förderer